Gründer und Inhaber von RegionalPioniere. War einige Jahre beim Generalunternehmer 4Wände GmbH im Bereich Projektentwicklung, Betriebsaufbau einer Betreibergesellschaft tätig.

Grundsätzlich gilt: Jedes Dorf, jede Gemeinde hat eigene regionale Besonderheiten. Ein Pauschal-Urteil oder auch einfache Standardlösungen wird und kann es nicht geben. Dafür sind die Orte zu unterschiedlich in Region, Größe, Geschichte, Regierung, u.v.m.. Auch gilt: Ländliche Regionen unterliegen einem klaren Wandel. Sowohl gesellschaftliche, als auch demografische, politische und persönliche Einflüsse entscheiden über den Erfolg einer Region. Dazu zählen der Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, New Work und eine grundsätzlich neue Einstellung vieler jüngerer Menschen, insbesondere Wissensarbeitern, gegenüber Arbeitsort und Lebensqualität. Eine durchaus steigende Landlust ist hier zu verzeichnen.

Und dennoch ist in vielen Orten ein jahrzehntelanger Trend zu beobachten. Die bisherige Abwanderung vor allem junger Menschen in die Stadt hat große Spuren in den ländlichen Gebieten hinterlassen. Die Zentralisierung von Unternehmen und Arbeitsplätzen in Metropolregionen hat viele Menschen dazu veranlasst, stadtnah zu ziehen. Darüber hinaus locken natürlich Wissens-, Kultur-, Feier- und Sportangebote. Ländliche Regionen und Dörfer können hier nicht mithalten. Entsprechend leidet die Infrastruktur. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) spricht hier von einem Negativkreislauf: Ärzte ziehen weg, Schulen schließen, (Sport-) Vereine müssen mit anderen Dorfvereinen fusionieren, um zu überleben. Die Dörfer verlieren an Attraktivität, dadurch verlassen mehr Menschen die Region, und so weiter.  Im Gegensatz dazu gibt es ganze Regionen in Deutschland, die eine hohe Zahl an Zuzügen vermelden können. Und auch richtig: In wachsenden Regionen gibt es Orte, die schrumpfen und umgekehrt. Manche Orte in strukturschwachen Regionen erleben einen starken Zuwachs. Welche Standortfaktoren zeichnen also besonders die Wachstumsregionen aus und welche Defizite können in schrumpfenden Orten beobachtet werden?

Wie oben gilt: Es braucht individuelle und zukunftsorientierte Lösungsansätze, sowie lokal engagierte Akteure (Einzelpersonen, Vereine, Unternehmen, Kirchen), um den beschriebenen Negativ-Kreislauf nicht nur aufzuhalten, sondern umzukehren. Ein Teil dieser Lösungen sind Mehrfunktionshäuser.

Neuer Trend: Landlust statt Stadtfrust

Die vom BMEL geführten Statistiken sind eindeutig: Seit Jahren ist der Wunsch in der Gesellschaft nach mehr Lebensqualität, Entschleunigung sowie aus der städtischen Anonymität herauszutreten und Teil einer „Dorfgemeinschaft“ zu werden hoch. Folgende zwei Haupteinflussfaktoren sehe ich darin:

Die hohen Wohn- und Lebenskosten in Städten im Vergleich zu ländlichen Regionen führen zu Bewegungen aus der Stadt in die Dörfer. Wenn das netto nur noch oder zu einem hohen Anteil für die Wohnungskosten reicht, dann sind auch die zahllosen Kulturangebote in einer Stadt nicht mehr relevant. Viele Menschen sehen vor allem in ländlichen Gebieten die Lösung. Aber: Ohne die wie oben beschriebenen Angebote und Annehmlichkeiten der Stadt einbüßen zu müssen. Das ist gut für sogenannte Satelliten-Orte, die ringsum große Städte angesiedelt sind. Um Frankfurt hat sich hier sogar ein Coworking-Space-Konzept nach diesem Phänomen benannt (www.1000satellites.com). Weniger gut ist das für Orte in wirklich ländlichen Regionen, wie die Eifel, große Teile in Ostdeutschland oder auch Niederbayern. Doch diese „stadtnahen“ und durch S- oder U-Bahn angeschlossenen Orte erreichen mittlerweile auch schon die Wohnungspreise wie in der Stadt. Also ziehen die Leute noch weiter raus und nehmen dafür längere Pendel-Strecken in Kauf. Und hier kippt irgendwann die gesamte Dynamik. Die Lebensqualität, Zeit mit der Familie oder für den Verein, auch die Gesundheit, nehmen immer mehr ab. Man lebt nur noch um zu arbeiten. Und auch hier: die Kulturangebote der Stadt sind aufgrund der Entfernung doch nicht mehr ‚mal eben so‘ zu erreichen.

Die Digitalisierung ermöglicht natürlich auch neue Arbeitsformen (bspw. Remote-Desks) fernab eines zentralen und stadtgebundenen Arbeitsortes. Das eben beschriebene Szenario mit langen Pendelstrecken gibt diesen dezentralen Arbeitsformen Rückenwind. Aber auch die Corona-Einschränkungen, aufgrund derer in vielen Unternehmen notwendigerweise Homeoffice o.ä. eingeführt wurde, werden auf die weitere Entwicklung großen Einfluss nehmen. Wer im Homeoffice mit Kindern in einer 3-Zimmer-Etagenwohnung mit Innenstadtlage die Corona-Monate verbringen musste, ohne Freizeitmöglichkeiten wie Spielplätzen, sehnt sich vielleicht langfristig nach mehr Platz bzw. auch der Freiheit, selber über den aktuellen Arbeitsort entscheiden zu können. Nicht Homeoffice ist die Lösung, sondern das Recht auf mobiles Arbeiten im Allgemeinen. Mehr dazu beim Coworking Verband „German Coworking Federation“.

Wie müssen also ländliche Regionen ausgestattet sein, um möglichst attraktiv für junge Menschen, Unternehmen, aber auch die bisherigen Bewohner zu werden?

„Urbanisierung“ von Dörfern – Standortfaktoren für wachsende Kommunen / Regionen

Der Verein „neuland21“ aus Brandenburg hat gemeinsam mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Studie durchgeführt zu „Urbane Dörfer – Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen können“. Welche Standortfaktoren waren in den letzten Jahren maßgeblich verantwortlich für erfolgreiche Kommunen? In Anlehnung an die Forschung des BMEL, sowie eigene Annahmen liste ich diese nachfolgend auf. Jedes in seiner Ausprägung zu erläutern führt an dieser Stelle zu weit. Auf die wichtigsten Punkte möchte ich dennoch kurz eingehen.

    • Gute Anbindung an Ballungsräume
    • Gute Erreichbarkeit von Bildungsangeboten
    • Attraktive Ortskerne
    • Gute Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten
    • Soziale Infrastruktur vor Ort (Ärzte, Kitas)
    • Arbeitsplätze am Ort / Kurze Wege zwischen Wohn- und Arbeitsort
    • Hohes Maß an Erholungs- und Freizeitangeboten
    • Engagierte, lokale Akteure

Gemeinsam haben die Kommunen in der Regel engagierte, lokale Akteure. Das kann ein neu gewählter Bürgermeister mit motiviertem Stadtrat sein, lebendige Kirchen mit ihren angeschlossenen Sozialverbänden, ehrenamtliche Vereinsarbeit oder lokale Unternehmen, die von zuziehenden Fachkräften profitieren möchten. Es startet mit einer Idee, mit einer Vision vom eigenen Ort, mit dem Wunsch nach Veränderung. Mit Menschen in Verantwortung, die diese Ideen aufgreifen. Und letztendlich auch mit der Umsetzung und der Kommunikation solcher Projekte.

Daher meine Bitte: Wenn Sie das lesen und Einwohner von ländlichen Regionen oder auch einem „abgehängten“ Stadtteil sind: Engagieren Sie sich für Ihren Ort, seien Sie der Initiator für eine Veränderung. Das müssen Sie nicht alleine tun. Sprechen Sie uns an, wir unterstützen Sie gerne in den Gesprächen mit der Stadt, organisieren Veranstaltungen für den Austausch untereinander und helfen in der Konzeption, Planung, Umsetzung und Finanzierung von entwickelten Ideen.